Was ist das überhaupt, ein Konflikt?
Oft hilft es uns, besser mit Dingen umzugehen, wenn wir sie verstehen, wenn wir wissen, was sie ausmacht, oder wenn wir sie zumindest eingrenzen oder beschreiben können. Erfahre hier, was Konflikte ausmacht und wie ich sie in meiner Arbeit betrachte.
Zunächst möchte ich festhalten, dass es mir hier um Konflikte zwischen Menschen und Gruppen von Menschen geht. Natürlich gibt es auch Konflikte mit der Fernbedienung des Smart-TVs, innere Konflikte oder Konflikte mit gefährlichen Tieren in freier Wildbahn – aber darum soll es hier nicht gehen. Vielmehr konzentrieren wir uns auf Konflikte als soziales Phänomen.
Friedrich Glasl, ein renommierter Organisationsberater und Konfliktforscher, definiert soziale Konflikte als eine Interaktion zwischen Individuen, Gruppen oder Organisationen. Dabei erlebt mindestens eine Partei eine Differenz oder Unvereinbarkeit in Wahrnehmung, Denken, Fühlen oder Wollen mit der anderen Partei. Diese Differenz wird so empfunden, dass die Verwirklichung der eigenen Absichten durch die andere Partei als Beeinträchtigung erlebt wird.
(Vereinfacht gesagt: Ein Konflikt entsteht, wenn Menschen unterschiedliche Vorstellungen, Gefühle oder Ziele haben und sich dadurch gegenseitig behindert fühlen.)
Zur Veranschaulichung ein typisches Beispiel, Zur Veranschaulichung ein typisches Beispiel, wie es sich tagtäglich in vielen Büros abspielen könnte: Ein Sommertag. Alina ist es heute ziemlich heiß und sie dreht die Klimaanlage auf. Direkt unter der Klimaanlage sitzt Mark, dem es nun ziemlich schnell ziemlich kalt wird. Außerdem hatte er eine sehr kurze und wenig erholsame Nacht. Er wirft Alina, auf die er schon seit einer ganzen Weile nicht mehr besonders gut zu sprechen ist, einen grimmigen Blick zu und dreht die Klimaanlage wieder herunter. Alina denkt sich: "Hat der sie noch alle?" und dreht bei der nächsten Gelegenheit schlecht gelaunt die Klimaanlage wieder auf usw. usf.
Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Konfliktdefinitionen, die sich dem Thema Konflikt von seinem Ursprung oder Auslöser her nähern. Eine weit verbreitete Idee ist zum Beispiel, dass Konflikte aus enttäuschten Erwartungen entstehen. Dieser Ansatz ist sehr nachvollziehbar und spiegelt sich in verschiedenen Konfliktdefinitionen wider.
Da sich aus meiner Mediationspraxis jedoch zeigt, dass Konflikte sehr komplex sein können, bevorzuge ich ein mehrdimensionales Modell, das über Glasls Definition und die Idee enttäuschter Erwartungen hinausgeht und weitere wichtige Perspektiven auf Konflikte einbezieht.
Nach dem Soziologen Jean-Claude Kaufmann und dem Neurowissenschaftler Pierre A. Buser können Konflikte aus Dissonanzen heraus entstehen. Oft verhalten sich Menschen, Situationen oder Objekte anders, als wir es aufgrund unserer Erfahrungen erwarten. Das führt zu Irritationen oder eben Dissonanzen. Es stellt sich die Frage, wie wir mit diesen Irritationen oder Dissonanzen umgehen. Wir könnten uns bemühen, die Wirklichkeit an unsere Vorstellung anzupassen. Gelingt dies, wäre alles wieder in Ordnung und die Dissonanz beseitigt. Wir könnten aber auch akzeptieren, dass unsere Vorstellung von der Wirklichkeit abweicht und uns damit abfinden. Auch das würde die Dissonanz beseitigen. Halten wir jedoch an unseren Erwartungen fest und entscheiden uns weder für Anpassung noch Akzeptanz, entsteht Frustration und Ärger, was eine solide Basis für einen Konflikt bildet.
Auch hier ein Beispiel: Alina kommt in die Küche und sieht, wie Mark gerade die Spülmaschine einräumt. Ihre Kaffeetasse lässt er jedoch „einfach” stehen. Alina ist daraufhin ziemlich irritiert und kann die Situation nicht einordnen. „Normalerweise ist Mark in solchen Sachen doch sehr aufmerksam. Hat er was gegen mich?” Was tut sie? Den Kollegen höflich ansprechen? Selbst wegräumen? Akzeptieren? Oder sich ärgern? Vielleicht von allem etwas?
Sie entscheidet sich, ihrem Frust nachzugeben und etwas zu sagen: „Mark, ganz ehrlich, ich weiß nicht, was du hast, aber ich finde es ziemlich blöd von dir, ausgerechnet meine Tasse nicht einzuräumen!”
Der Psychologe Leo Montada ergänzt die auf unterschiedlichen bzw. gegensätzlichen Interessen beruhende Konfliktdefinition von Glasl um die Dimension der Legitimität von Handlungen bzw. um die Dimension der Gerechtigkeit. Nach Montada entstehen Konflikte, wenn Handlungen als ungerecht oder illegitim empfunden werden, weil sie die eigenen Normen und/oder Ansprüche verletzen.
Bleiben wir beim Beispiel der Klimaanlage: Aus Sicht von Mark hat Alina gar nicht das Recht, die Klimaanlage einfach aufzudrehen, ohne sich vorher mit ihm abzusprechen. "Sie weiß doch, dass er direkt darunter sitzt und schon seit Tagen mit seinem steifen Nacken zu kämpfen hat. Außerdem kann sie ja auch anstandshalber vorher fragen!"
Dass Konflikte auch unter kulturellen Aspekten betrachtet werden können, zeigt der vielseitige und bisweilen streitbare Kultursoziologe und Historiker Egon Flaig. Flaig unterscheidet bei der Betrachtung von Konflikten zwischen Meinungen, Vorstellungen, Haltungen und Einstellungen und den unterschiedlichen Möglichkeiten, diese sprachlich zu kommunizieren. Meinungen, Vorstellungen, Haltungen und Einstellungen prägen unsere persönliche Lebenswirklichkeit. Während Meinungen sprachlich noch gut kommunizierbar sind, wird es bei Vorstellungen (gemeint sind kulturelle Vorstellungen) schon schwieriger. Richtig kompliziert wird es bei Einstellungen und Haltungen. Je schwieriger es ist, diese Dimensionen sprachlich auszudrücken, desto schwieriger wird es, sie zu verstehen und zu verändern. Sind die Vorstellungen, Einstellungen und Haltungen zwischen zwei Akteuren sehr unterschiedlich, erleben sie die Handlungen des anderen oft als Negation ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Dies führt unweigerlich zu Konflikten.
Auch hier ein Beispiel: Mark ist 20 Jahre älter als Alina und im Gegensatz zu ihr sehr konservativ aufgewachsen. Dass Alina in der Hierarchie über Mark steht, nagt schon seit ihrer Beförderung an ihm. Dass sie ihm nun auch noch das "Du" als erste anbietet, macht ihn innerlich sehr wütend, woraus er auch keinen Heel macht.
Allen hier vorgestellten Definitionen ist eines gemeinsam: Entscheidend für die Entstehung von Konflikten ist immer das eigene "Erleben". Erst wenn ich unterschiedliche Interessen oder eine Handlung als illegitim wahrnehme oder wenn ich eine Dissonanz oder Negation meiner eigenen Lebenswirklichkeit erlebe, gerate ich in den Konfliktmodus.